Usbekistan – 1001 Nacht an der Seidenstraße
Am 19. Oktober 2025 ging es für mich von Tiflis aus für knapp zwei Wochen in ein neues Land, das mit zwei Begrifflichkeiten untrennbar verbunden ist: Der Seidenstraße als der historischen asiatischen Handelsroute quer durch den Subkontinent, und 1001 Nacht als der Atmosphäre, die von den historischen Gebäuden mit tiefblauen Kuppeln, filigranen Mosaiken und hohen Minaretten ausströmt. Ich lasse also den Südkaukasus, durch den ich rund eineinhalb Monate reiste, hinter mir und befinde mich nach drei Stunden Flugzeit, bei der ich das Kaspische Meer überquere, in Taschkent, der Hauptstadt Usbekistans.
Für meinen fünftägigen Aufenthalt hier habe ich mir ein Hotel auf Booking.com gebucht, unter chinesischer Leitung stehend und mit ziemlich guter Bewertung. Die Gäste stammen tatsächlich alle (mit Ausnahme von mir) aus China, alles im Hotel ist auf Chinesisch beschriftet, und, wie ich schnell feststelle, sind die Betten im Hotel auf chinesische Hotelgäste ausgerichtet. Und die mögen ihre Matratze offenbar hart – bretthart – steinhart. Ein kleiner Test nach der ersten Nacht offenbart die Härte: Eine aus einem Meter fallen gelassene Wasserflasche springt von der Matratze zurück, als wäre es ein Trampolin. Okay, für vier Nächste gilt für mich also das Motto des Alten Fritz: „Lerne leiden, ohne zu klagen“. Das beste ist, mich die Tage über so zu verausgaben, dass ich abends totmüde ins Bett falle.
Und in Taschkent gelingt das erstaunlich gut: Während ich am ersten Tag meiner Entdeckungstour noch mit dem Yandex-Taxi unterwegs bin, bin ich an den Folgetagen fast ausschließlich zu Fuß unterwegs. Und das, obwohl diese Stadt nach einem verheerenden Erdbeben im Jahr 1966 als moderne sozialistische Musterstadt wiederaufgebaut wurde und deshalb dem Typus einer „autogerechten Stadt“ entspricht wie kaum eine andere. Schachbrett- bzw. spinnennetzartig verteilen sich deshalb ewig lange und in der Regel sechsspurige Boulevards über das Stadtzentrum und seine Ausläufer. Wie gut, dass es hier auch viele Stadtparks gibt, in denen man dem Straßenlärm entfliehen kann – ich werde sie in den kommenden Tagen ausgiebig nutzen.
Wie die Dimensionen der Straßen, so sind auch die Dimensionen der Gebäude im Regierungsviertel: Riesige Prunkbauten, im typischen Stil dieser Region mit Kuppeln verziert, mit Marmor verkleidet und mit Goldornamenten versehen. Beeindruckend auch der Hazrati Imam-Komplex mit seinen Moscheen, nur, wie so viele meiner angesteuerten Ziele, wegen des Besuchs eines Staatsgasts für die Öffentlichkeit gesperrt (tatsächlich sehe ich sogar dessen Wagenkolonne an mir vorbei fahren, kann aber den Gast, wegen dem ich das meiste nur von der Straße aus bewundern kann, nicht identifizieren).
Mitten im Stadtzentrum befindet sich auch die „Magic City“, ein Vergnügungspark mit kostenlosem Eintritt, angelehnt an das Disneyland in Florida, mit Straßenzügen gestaltet nach europäischem und russischen (oder sowjetischem) Vorbild: Ich springe von London nach Berlin, weiter nach Paris und Barcelona, und inmitten dieses Parks befindet sich dann ein Disneyschloss mit Fontänen. Dahinter geht der Park weiter, an einem großen, künstlich angelegten See (wir befinden uns in einem Wüstenstaat) kann man Treetboot fahren. Überquert man dann eine weitere Brücke, verläßt man aprupt diesen Vernügungspark und befindet plötzlich im nationalen Park Usbekistans mit zig Statuen ehemaliger Staatslenker oder nationaler Schriftsteller. Was für ein Übergang von Kommerz zu Kunst und umgekehrt, denke ich mir, während ich ein paar Schulklassen beobachte, die -ob staatlich inszeniert oder echtem Personenkult geschuldet- Gesangs- und Tanzaufführungen zum Lob ihres Landes und ihres Präsidenten darbieten.
Es gibt aber auch ein paar „normale“ Dinge zu sehen hier: Der Basar „Chorzu“ befindet sich in und um einen riesigen Kuppelbau, man kann hier alles kaufen – von Gewürzen, Trockenfrüchten, frischem Obst und Gemüse sowie frisch zerlegtem Fleisch über Kleidung hin zu Gebrauchsgegenständen für den Alltag… ein Sammelsurium an Ständen, wie es das öfters in den ehemaligen Sowjetrepubliken in dieser oder ähnlicher Ausführung zu sehen gibt, aber dieser Basar übt auf mich einen besonderen Reiz aus, weshalb ich ihn mehrmals besuche. Wie der Chorzu ist auch der „Zirk“, also der Zirkus gebaut, als runder Kuppelbau, aber bei weitem nicht so belebt. Ein einsamer Reiter zieht auf dem davor liegenden Platz, der beiderseits gesäumt wird von Restaurants, seine Runden, der Sprungbrunnen ist bereits jetzt, Mitte Oktober, außer Betrieb genommen worden, auch wenn die Sonne weiterhin unerbittlich vom Himmel brennt.
Ich besuche -natürlich- auch noch den Fernsehturm und verschaffe mir einen Überblick von hier oben, was sich noch alles ansehen läßt. Und entdecke, dass die Wege am Fluss erstaunlich gut ausgebaut sind. Und so nutze ich einen Nachmittag, um weitestgehend entfernt vom Trubel der Straßen die Welt am Fluss zu erkunden, die mich schließlich zu einem weiteren Vergnügungspark, dem Anhor Lokomotiv, führt, der ebenfalls nahtlos übergeht in einen anderen öffentlichen Park dies- und jenseits des Flusses, querbar mittels einer Fußgängerbrücke, die gleich dreimal die Höhenlage und das Flussufer wechselt. Von diesem Park aus erreiche ich auch das Denkmal zur Erinnerung an jenes verheerende Erdbeben, das dieses Stadtbild so verändert hat, wie ich es heute vorfinde.
Ein anderer Platz hat es mir besonders angetan, und während meiner Zeit in Taschkent besuche ich ihn immer wieder: Weil er zentral gelegen ist, weil sich gleich auf der gegenüberliegenden Seite der Taschkent Boulevard befindet (eine Fußgängerzone mit einer Aneinanderreihung an Streetfood-Ständen, hier steppt wirklich ab dem Nachmittag der Bär) und vor allem, weil es dort inmitten eines riesigen Kreisverkehrs außenrum total ruhig ist. Es handelt sich um den Amir-Timur-Platz, mit unzähligen Springbrunnen, einer Reiterstatue eben jenes Amir Timur in der Mitte und dem sozialistisch-sowjetischen Hotel Usbekistan, ein Wahrzeichen für sich, auf der anderen Straßenseite.
Nach vier Nächten auf dem Trampolin habe ich mich zwar einigermaßen gewohnt, darauf zu schlafen, ich bin aber dennoch froh, dass meine Reise nun weitergeht in die schönste Stadt Usbekistans, nach Samarkand. Darüber mehr im nächsten Beitrag.