Georgien, ach du Schöne…

Georgien, ach du Schöne…

Ich liebe Zugfahren. Und lange überlegte ich mir, ob ich von Gyumri in Armenien nach Tiflis in Georgien mit dem Nachtzug reisen sollte. Zu lange, denn wie sich herausstellte, war der Nachtzug zu meinem geplanten Abreisetermin bereits ausgebucht… Also blieb mir nichts anderes übrig, als mit dem Flugzeug zu reisen, denn eine Taxifahrt von Armenien nach Georgien zu organisieren bedeutet, zwei Taxifahrer zu koordinieren – der eine liefert dich an der Grenze ab, der andere nimmt dich am Schlagbaum nach Grenzüberquerung auf.

Nach Gyumri kehrte ich also nochmals nach Yerevan zurück, für zwei Nächte, in einem gemütlichen AirBnB ganz in der Nähe des Platz der Republik. Und von dort startete ich am 6. Oktober 2025 meine Reise nach Georgien, einem Land mit attraktivsten Konditionen für Expats (360 Tage visafreier Aufenthalt für Deutsche), aber auch einem Land, dessen Regierung sich zunehmend der EU ab- und Russland zuwendet – obwohl der EU-Beitritt in Georgiens Verfassung verankert ist.

Tiflis, mein erstes Reiseziel Georgiens, war für mich irgendwie magisch. Bereits die Taxifahrt vom Flughafen zu meinem AirBnB (im neuen arabischen Viertel) führte mich durch enge Gassen mit grandiosen Ausblicken auf die Stadt, was aber daran lag, dass der Taxifahrer (in Tiflis nutzt man Bolt) schlichtweg den Stau auf den Hauptverkehrsadern umgehen wollte. Mein Apartment lag in einer Seitenstraße der Davit Aghmashenebeli Avenue, unweit der Metro-Station Marjanishvili und war -ungelogen- das schönste, das ich auf meiner ganzen Reise hatte (leider war es für meinen zweiten Aufenthalt in Tiflis bereits ausgebucht). Das Stadtviertel ist voll von arabischen (halalen) Restaurants, die besagte Avenue wirkt wie ein gepflasterter, mit Straßenbäumen und kleinen Parks umsäumter Boulevard in Paris, und die Leute in Georgien tragen weitaus weniger schwarze Kleidung als die Armenier.

Innerhalb von fünf Tagen will ich soviel als möglich von dieser Hauptstadt entdecken: zuerst erkunde ich die nähere Umgebung zu Fuß, kaufe mir dann eine Zeitkarte für die Metro am Hauptbahnhof (der aussieht wie ein Flugzeugträger oder ein Sternenzerstörer aus Star Wars), um anschließend die zentralen Viertel von Tiflis zu entdecken: von Prachtboulevards mit Gebäuden im Stil zwischen Neogotik, Klassizismus und Jugendstil geht es nahtlos weiter zu älteren Stadtvierteln mit zweigeschossigen traditionellen Häusern, über die Friedensbrücke in einen Park mit einem Denkmal für Ronald Reagan und einem futuristischen Bauwerk, das aussieht wie ein in der Mitte durchtrenntes Moebius-Band, wieder zurück auf die andere Seite des Flusses Kura zu einem Wasserfall mitten in der Stadt (der mit seinem schwefelhaltigen Wasser die arabischen Badehäuser speist und im übrigen für einen ziemlich fauligen Geruch in diesem kleinen Tal sorgt), hinauf mit der Seilbahn zu Mutter Georgien und wieder hinunter in ein dahinter liegendes Tal mit einem unglaublich großen, wunderschönen botanischen Garten…

Ich glaube, nach Budapest war Tiflis die Stadt, in der ich die meisten Kilometer zu Fuß zurückgelegt habe. Wirklich, alle paar hundert Meter gibt es etwas neues zu entdecken, und manches mag man sich gerne auch ein zweites Mal anschauen, wie etwa den Straßenflohmarkt und den Basar entlang der Dry Bridge (die ihren Namen daher hat, dass sie ein ausgetrocknetes Flussbett überquert) – auch wenn mich ein Straßenverkäufer beim ersten Mal ziemlich angebellt hat mit „no photo!“ als ich etwas von seinem Stand fotografieren wollte.

Apropos, Sprache: während man in Armenien mit Englisch nicht weit kommt, sprechen viele Georgier in der Regel sehr gut Englisch, und, auch das habe ich festgestellt: sie mögen sich nicht auf Russisch unterhalten. Liegt wahrscheinlich daran, dass Russland 2008 Georgien angegriffen und die georgischen Regionen Abchasien und Südossetien annektiert hat…

Am 11. Oktober ging dann für vier Tage nach Batumi. Hier konnte ich schließlich den Zug nutzen, den ich diesmal rechtzeitig gebucht hatte. Am Bahnsteig zeigt man dem Schaffner, der vor der Zugtür wartet, Ticket und Reisepass (zwingend notwendig) und der reservierte Sitz (obligatorisch) wartet schon darauf, in Beschlag genommen zu werden. Lustige Anekdote: bei der Hinfahrt hatte ich mir den Rest meiner Birnenlimonade in eine kleine Wasserflasche umgefüllt. Plötzlich kommt eine kleine dickliche Dame mit einer Security-Weste auf mich zu, nimmt mir die Flasche ab und meint, ich würde sie später wieder zurückbekommen. Verdutzt frage ich, was das soll, die Dame kann natürlich kein Englisch, und ein russisches Pärchen, das in derselben Sitzreihe ist wie ich, fungiert als Dolmetscher. Die Dame riecht an meinem Getränk und gibt es mir wieder wortlos zurück – sie dachte, ich hätte mir ein Bier abgefüllt, was in Georgien in öffentlichen Verkehrsmitteln nicht erlaubt ist

Batumi, das ich nach fünfstündiger Zugfahrt erreichte, ist eine wunderschöne Stadt an der Schwarzmeerküste, mit einer relativ kleinen Altstadt, dafür aber mit einer sehr langen Strandpromenade, die gesäumt ist von Attraktionen wie einem Riesenrad, einem Aussichtsturm aus Stahl und Glas, Fahrgeschäften, Essständen, künstlichen Seen mit Wasserspielen sowie großen Hotel- und Apartmentkomplexen, die nachts illuminiert sind. In Batumi gibt es auch soetwas wie den venezianischen Markusplatz in Klein, und es gibt etliche Casinos (ich habe keine davon besucht). Die Strandpromenade bin ich mehr als einmal abgelaufen, auch nachts, und auch mal die sechs Kilometer bis zum südlichen Ende, wo man auf die Startbahn des Flughafens trifft und auf Planespotter, die die ankommenden und abhebenden Verkehrsflugzeuge aus nächster Nähe beobachten (hat mir auch Spaß gemacht). Batumi ist aber auch die russischste Stadt – gefühlt wird auf der Strandpromenade ausschließlich russisch gesprochen. Und anstelle Google Maps nutzt man hier bevorzugt das russische Pendant Yandex Maps – nur so findet man die besten Food-Plätze.

In Batumi hatte ich auch das merkwürdigste AirBnB meiner gesamten Reise: schon bei meiner Ankunft am Flughafen wurde ich von den Taxifahrern (niemals ein Taxi ohne App nehmen!) angesprochen, ob ich denn nach Orbi City müsse. Dort lag tatsächlich mein Apartment, und als ich ankam verstand ich, warum Taxler als erstes nach diesem Ziel fragen. Orbi City ist ein Stadtbauprojekt, in dem sich unter anderem sechs Mega-Wohntürme (teilweise noch im Bau) auf einer Grundstücksfläche von 35.000 Quadratmetern befinden (das sind rund 5 Fußballfelder). Mit Gebäuden von 50 Stockwerken und mehr und knapp 100 Metern Länge können dort im finalen Ausbaustadium rund 20.000 Menschen leben! Meine Wohnung war im 42. Stock des Block C, mit zugegebenermaßen grandioser Aussicht auf das Meer und die umliegenden, durchwegs kleineren Gebäude, und bereits auf Wolkenhöhe. Mulmig wurde mir etwas, als ich mir ein paar Gedanken über den Brandschutz machte und auf einer Flurlänge von gefühlt 100 Metern keine einzige Brand- oder Rauchschutztür ausmachte. Von den zwölf Aufzügen funktionierte vielleicht die Hälfte, und Treppenhäuser konnte ich auch nur zwei zählen. Vor meinem geistigen Auge tauchten Erinnerungen an den Katastrophenfilm „Flammendes Inferno“ aus den 1970ern auf, und nach vier Tagen war ich froh, dieser potentiellen Flammenhölle entkommen zu sein und -wieder mit dem Zug- nach Tiflis zurückzukehren.

Die Zugfahrten waren übrigens ganz nett, es gibt tolle Landschaften zu entdecken auf der Fahrtstrecke, aber es ist halt eine Reise mit einem Doppelstockwaggon und der Wohlfühlatmosphäre eines deutschen ICE.

In Tiflis zurück bezog ich mein nächstes AirBnB, diesmal im Universitätsviertel Saburtalo und somit um einiges weiter weg von der Kernstadt. Die Wohnung war ebenfalls ausgezeichnet, an einer etwas stärker befahrenen Straße diesmals, aber sehr modern und komfortabel eingerichtet. Dieses Viertel zu Fuß zu erkunden ist allerdings echt mühselig. Die Straßenzeilen sind ewig lang gebaut, mit nur wenigen Verbindungsstraßen oder -wegen zur nächsten Hauptstraße. Mein Besuch des Central-Parks scheiterte zunächst an einer fehlenden Überquerungsmöglichkeit über eine vielbefahrene Straße, dann schließlich daran, dass der Park an sich wegen Renovierungsarbeiten komplett geschlossen war. Bis ich mal wieder eine Querstraße in Richtung meines Apartments fand, war ich einige Kilometer unterwegs – und kurz davor, ein Taxi für die Rückkehr zu rufen. Die kommenden fünf Tage bis zum Abflug nach Usbekistan verbrachte ich teils zur Erholung im Apartment, teils in der Altstadt, wobei die Taxifahrt mit 30 Minuten schon recht lang war. Aber ich hatte ja alles, was ich in Tiflis sehen wollte, gesehen, und war zufrieden. 🙂

Mein Fazit: Georgien hat so viel mehr zu bieten als nur diese zwei Städte. Es lohnt sich definitiv, dieses Land für eine der nächsten Reisen in der Region wieder miteinzubinden. Es läßt sich relativ günstig dort leben, Essen und Trinken ist ausgezeichnet, und der georgische Wein ist süffig. Zwei Wochen nur für Tiflis und Batumi sind allerdings zu lange; ich hätte mir durchaus noch die eine oder andere Tagestour hinzubuchen können. Aber: mein Akku wurde langsam leer. Mehr dazu in meinem Blogbeitrag zu Usbekistan.

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